Ein graphiler Neurotiker packt aus

Gestatten: Nick Böse, Grafik-Designer am Schreibtisch ganz hinten links. Ich bin der Schatten von gobasil. Denn in mir steckt etwas, was hier lieber totgeschwiegen wird: Ich bin graphil.
Ich leide unter Zwangsvorstellungen, die mich ständig heimsuchen und die unter Grafik-Designern verbreiteter sind als bisher angenommen. Wir brauchen das Verständnis der Öffentlichkeit.
Ich packe aus.
Zwangsvorstellung Part 1: Die Freistellparanoia
Eine Aufgabe, vor der jeder Grafiker hin und wieder steht ist das Freistellen von Objekten. Dabei wird das Hauptobjekt in einem Foto ausgeschnitten und vom Hintergrund entfernt. Was so harmlos klingt, hat in Wirklichkeit tiefgreifende Auswirkungen auf meinen Alltag: Egal, wo ich bin, alles, was ich in der Realität sehe beginne ich im Kopf freizustellen: Häuser, die Bank im Park, meinen Arbeitsplatz und die Oma in der Bahn, alles umrahme ich mit einem imaginären Freistellpfad.

Zwangsvorstellung Part 2: CI-ADS
Eines Nachts wachte ich schweißgebadet auf. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich für meine Person noch gar kein CI (Corporate Identity) entwickelt hatte. Mit zitternden Händen klappte ich mein Laptop auf und begann ängstlich, Gestaltungsrichtlinien für mein Leben zu entwerfen: einheitlicher Kleidungsstil (Erdtöne betont durch eine Note Kord), Wiedererkennungsmerkmale (Hut, „I Love You”-Button, braune Krawatte), klare Kommunikationsrichtlinien („Sei immer höflich und bescheiden, dann kann dich jeder Leiden”, zuvorkommend, etwas distanziert, aber stets mit einem Lächeln im Gesicht) und weitere Imagemaßnahmen. 2 Tage lang hämmerte ich mein Konzept in die Tasten. Erst dann konnte ich wieder ruhig schlafen. Mit dem verstörenden Gefühl, endlich eine eingetragene Marke zu sein.

Zwangsvorstellung Part 3: Die Störerstörung
Langjähriger Agenturalltag und fleißiger Medienkosum gingen an mir nicht spurlos vorbei. Alles – Häuser, die Bank im Park, meinen Arbeitsplatz und die Oma in der Bahn – wird analysiert, der USP herausgearbeitet, die Werbewirksamkeit überprüft und zu guter Letzt mit einem Störer geschmückt. Dabei denke ich stets in Slogans. „Die Bank – Nehmen Sie Platz auf den Brettern der Ruhe!”, „Frische, die man sieht! Ihr Springbrunnen”, „Saftig und Grün, schöner Rasen ohne Müh’n!”
Mein Leben ist eine Dauerwerbeunterbrechung. Ruhe gibt’s nur in besonders traumlosen Nächten – „Ein Ort der Stille. Das habe ich mir verdient!” klingt es dann nur ganz leise durch mein Unterbewusstsein.

Eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Aber ich möchte Sie nicht verschrecken. Im Grunde hat das Ganze auch eine Menge Vorteile: Wenn mal irgendwas schief läuft – etwa zuviel Salz in der Suppe, eine unpassende Bemerkung, beim Schwarzfahren erwischt werden oder in einen Haufen treten – drücke ich gedanklich einfach Apfel+Z (Bearbeiten > Rückgängig) und der Schlamassel hat sich erledigt.
nb, 10.03.2010, 10:16, Kommentare (3), Tags: CI-ADS, Freistellparanoia, Grafphil, Störerstörung, Zwangsvorstellungen
Über Facebook zufällig über dieses Blog und diesen Eintrag gestolpert. Sehr cool geschrieben! YMMD – auch wenn ich mehr Hobby-Flyer-Gestalter bin. Ich kanns dir nachfühlen. :-)
BTW: das Video, “walk, don’t swim”, “gut rüberkommen” – einfach nur genial!
Kommentar by Christoph — 24. März 2010 @ 00:00
Tja, so geht es mir auch. Unglaublich gut geschrieben. Und tolle Illustrationen. Danke Nick.
Kommentar by Tobias — 19. Mai 2010 @ 16:35
Da schreibt einer, der sein Handwerk versteht, das ist sowas von klar :-)
Überhaupt – ihr seid hier eine Gruppe von Leuten, die zeigen, dass christliche Inhalte extrem originell rübergebracht werden können. Und natürlich frag ich mich, warum es so nicht viel öfter passiert …
Kommentar by Verena — 10. April 2011 @ 14:31